Einige Computergrafik-Aktivisten sind sicher Freaks oder können als Nerds bezeichnet werden. Sie sind derart fokussiert auf ihre virtuellen Welten, dass sich ihre Motivation für den Laien nur schwer erschließt. Alle anderen 3D-Grafiker sind mindestens Enthusiasten, die sich mit viel Energie und noch mehr Zeit ihrer Passion widmen. Sie sitzen überall auf der Welt mit eigens konfigurierten, wassergekühlten Gigahertz, hochgerüsteten Grafikkarten und setzen ihren ganzen Ehrgeiz daran, der Realität virtuell so nahe wie möglich zu kommen – nein, sie womöglich zu übertreffen. Da werden eben mal 800 Buchtitel gescannt und die entsprechenden Bücher inklusive der Gebrauchsspuren detailgetreu nachgebaut, um ein virtuelles Regal innerhalb eines Renderings mit virtuellen, real aussehenden Büchern zu füllen und nicht einfach mit kubischen Buchdummies aus der Softwarebibliothek.
Aber wie sinnvoll ist dies? Wieso nutzt man seine Zeit Realität abzubilden als diese wahrhaftig zu erleben. Weil man mit der Realität nicht zufrieden ist? Weil man die Grenzen der Realität nicht akzeptieren möchte? Oder weil man neue Welten erschaffen möchte, die schöner, besser, weiter oder nur anders sind? Egal warum, es kann Sinn machen.
Denn diese Künstler, Freaks und Nerds machen den Unterschied aus zwischen "Godzilla"(1) und "Godzilla"(2,3). Sie haben dazu beigetragen, dass wir virtuelle Bilder, die vor einiger Zeit noch als undenkbar galten, heute als selbstverständlich erachten. So selbstverständlich, dass wir den Unterschied sehr häufig schon nicht mehr bemerken. So selbstverständlich, dass uns "Avatar" real erscheint, obwohl er vollkommen künstlich ist.
Einige dieser Computerkünstler betreiben in Polen, und eben nicht wie anzunehmen im Silicon Valley, die Firma EVERMOTION. Diese entwickelt und vertreibt 3D-Modelle für virtuelle Anwendungen und hat sich zudem mit über 200'000 angemeldeten Nutzern zum weltweit führenden Internetforum der CG-Gemeinde entwickelt.
In Kooperation mit EVERMOTION hat der Schweizer Möbelproduzent AAndres einen Wettbewerb ausgeschrieben. Die Aufgabe bestand darin, 3D-Visualisierungen unter Verwendung der modularen Möbelsysteme "Eileen" und "Frank" zu erstellen. Bewertet wurde dabei unter anderem die Qualität des Renderings, der Einsatz des Lichts, die Idee der Inszenierung, die Präsentation der Möbel aber auch die Liebe zum Detail.
Sicher hätte die Firma AAndres ihre existenten modularen Möbelsysteme auch fotografieren lassen können, aber dies ist einfacher gesagt als getan. In einer Villa in Belmont-sur-Lausanne, entworfen von dem Architekturbüro zo2studios, ist beispielsweise ein neun Meter hohes "Frank Pro" Regal installiert, das neben der greifbaren Produktqualität aufgrund seiner Größe real beeindruckt. Dieser Eindruck lässt sich aber leider nicht so einfach fotografisch vermitteln. Denn eben die Architektur des Hauses verhindert eine entsprechende Abbildung: Das 4-stöckige 600 qm Haus ist zu kompakt, das Regal ist zu groß, ein passender Bildausschnitt ist nicht zu finden. Und aus diesem Grund macht die virtuelle Darstellung Sinn. Schöpfer künstlicher Welten werden aufgefordert dreidimensionale Räume zu kreieren, in denen die Regalmöbel "Eileen" und "Frank" auch innerhalb einer zweidimensionalen Abbildung imponieren können – eventuell sogar attraktiver als dies real möglich wäre.
Eingereicht wurden 83 Renderings von 58 Teilnehmern aus insgesamt 20 Ländern weltweit. Das Niveau war so hoch, dass neben den ersten 3 Plätzen noch 10 weitere Einreichungen mit einem "Honorable Mention" ausgezeichnet wurden.
Im Wesentlichen sind zwei Merkmale an den Arbeiten zu erkennen: das Erste ist die technische Qualität der Arbeiten, die einher geht mit dem Aufwand, den einige der Teilnehmer aufgebracht haben, also der Mühe, die sie sich gegeben haben, um Details auszuarbeiten und das Arrangement auszuleuchten, so dass das Endergebnis digital real wirkt. Dagegen wirken Entwürfe, die eher spärlich ausgestattet sind, mit groben Arrangements und simpler Lichtführung, künstlich und ähneln älteren Videospielen. Das zweite Merkmal ist die Art der Inszenierung, an welcher sich etwa der kulturelle und soziale Hintergrund der Teilnehmer als auch deren berufliche Situation und bisweilen gar die Lebensumstände ablesen lassen.
Der Versuch, mit wenigen Accessoires und Büchern auf den Möbel und im Regal virtuell alles möglichst beiläufig aussehen zu lassen, reicht häufig nur für die Atmosphäre, die wir aus mittelmäßig dekorierten Einrichtungsgeschäften kennen – irgendwie leblos. Weniger ist an dieser Stelle eben nicht mehr.
Steht das moderne Regal hingegen in einem sonst von Gold, Plüsch, Kristall und klassisch anmutenden, massiven Holzmöbeln überladenem Raum, hat der CG-Artist vielleicht schon für Objektentwickler russischer Prunkvillen gearbeitet.
Sind die Regale aber mit hunderten von Büchern gefüllt, die, mit Gebrauchsspuren und Eselsohren detailgetreu erstellt, auch mal quer liegen, und ist einen Skizzenblock mit Bleistift im Bildvordergrund platziert, so als hätten ihn der Besitzer gerade eben dort abgelegt und kleben ein paar Post-Its dran, fühlt man sich sofort in die reale Welt versetzt. Die installierten Neonröhren mit Abnutzungserscheinungen, die Lautsprecher- und Elektrokabel, die Versorgungsleitungen, die Polsterung an Decke und Wand und einige Computer, die nicht mehr ganz up to date sind, vervollständigen digital das reale Bild – allein es fehlt der Staub. Aber wir wollen nicht übertreiben – denn wenn ein Mensch dazu noch die Empathie aufbringt, themenbezogene Bücher auszuwählen, die dem Möbelsystem und dem Produzenten schmeicheln, hat er den ersten Preis verdient . Jeffrey Faranial von den Philippinen hat für diese Arbeit knapp 200 Stunden benötigt.
Der Raum, in dem sich diese Inszenierung befindet ist ein Kubus aus Stahl, Glas und Beton, der verdreht, schräg aus dem Baukörper eines Hochhauses herausragt. Diese Architektur steht für Kulturen, in denen weiter unbeirrt an unaufhaltsamen Fortschritt geglaubt wird, für Wirtschaftszonen, in den einstelligen Wachstumsdaten den Angstschweiß der Rezession auf die Stirn treibt und für eine Arbeitswelt, in der permanent für diesen Fortschritt gearbeitet wird. Jeffrey Faranial arbeitet genau dort – in Bahrain.
Die Detailliebe aber nicht zu übertreiben, gerät diese sonst schnell zu Detail- oder gar zur Selbstverliebtheit, ist die Kunst innerhalb dieser virtuosen Virtualitäten. In wundervollen historischen, dezent ausgeleuchteten Wohnräumen, Stuck überladen mit abblätternder Farbe und Parkett im Fischgratmuster mit den üblichen Gebrauchsspuren, steht kontrastreich das Regal wie selbstverständlich neben einem Tugendhat-Sessel. Am Boden stehende Bilder tragen zur belebt erscheinenden Rauminszenierung bei. Aber warum windet sich eine Stoffbahn quer durch den Raum? Es entsteht der Eindruck, dass sie dort nur liegt, um zu demonstrieren, dass die Nachbildung auch schwierig darzustellender, textiler Stoffe beherrscht wird. Der leicht gewellte Teppich hätte als Bestätigung dessen ausgereicht. Der zweite Preis für Viktor Fretyán.
Andere Präsentationen bestechen durch die Wahl des Umfeldes, das für die Inszenierung gewählt wurde. Wenn sich die eigenen Möbel in den Werkstätten des Bauhaus Dessau wiederfinden, in einer Szenerie, die nahe legt, sie wären dort damals entstanden, kann der Möbelproduzent zufrieden sein. Es gibt Möbel, die in den beeindruckenden Betonburgen von Tadao Ando und erst recht in denen von Zaha Hadid untergehen. "Frank Pro" besteht auch darin. Und wenn ein einzelnes Möbelmodul wie ein Modell in einem Fotostudio steht und ohne Beiwerk und Verstärkung auskommt, dann fällt diese Präsentationsidee bei der Fülle der Wohnräume sehr angenehm auf.
Einige der Wettbewerbsbeiträge hätten in der Realität mehrere zehntausend Euro für die abgebildeten Regale verschlungen, denn "Eileen" und "Frank" sind mitnichten Massenware, sondern individuell angefertigte Luxusgüter. Sie haben ihren realen Preis. Wem dieser zu hoch ist, aber "Eileen" und "Frank" dennoch besitzen möchte, darf sich bei EVERMOTION bedienen. Dort gibt es das komplette System als Datensatz für 120 und einzelne Module schon ab 5 Euro – für den rein virtuellen Nutzen versteht sich.
1) Godzilla, Japan 1954, Regie Ishiro Honda
2) Tricktechnisch betrachtet: Godzilla, USA 1998, Regie Roland Emmerich
3) für wahre Fans: Godzilla – Final Wars, Japan 2004, Regie Ryuhei Kitamura
www.aandres.com
www.evermotion.org
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